Tom: Never Stop Fighting

Wenn mich heute jemand fragt, wie mein Outing war, sage ich, dass es nicht "war" sondern "ist" und dann benutze ich meist Worte wie "überraschend", "stressig", "befreiend" oder "nichts Dramatisches" - je nach Laune und persönlicher Sympathie für das Gegenüber. Wenn man mich aber fragt, ob ich es mir so vorgestellt habe, sage ich immer entschlossen "nein".

Was Outings und überhaupt die Akzeptanz meiner eigenen Homosexualität angeht, kann man mich wohl als Spätzünder bezeichnen, obwohl ich glaube, dass es hier ein "zu spät" nicht gibt. Nur zwei Menschen wussten es kurz nachdem ich mir selbst darüber im Klaren war, mein Bruder und ein Schulfreund. Beide haben aber so dämlich reagiert, dass ich mich entschloss, nie wieder jemandem davon zu erzählen und ganze sechs Jahre habe ich das auch durchgehalten. Ich hatte Beziehungen zu Frauen, die allesamt (welch Überraschung) immer wieder scheiterten und ansonsten kümmerte ich mich nicht weiter um Männer, außer sie waren mit mir befreundet oder sie sahen gut aus, denn dann schaute ich mir sie genauer an, heimlich *g*. Aber irgendwann muss man (und ich schreibe hier absichtlich nur ein n!) trotzdem durch. Ich kann sagen, dass meine Freunde allesamt sehr gut reagiert haben. Da bin ich wirklich stolz, solche Freunde zu haben! Sie waren neugierig, zwar überrascht, aber sehr interessiert. Manche gingen sogar auf Schwulenparties mit, weil sie so was schon immer mal sehen wollten (manche wären danach froh gewesen, dieses Geheimnis wäre ungelüftet geblieben *g*) und und und. Es war eine Art Bilderbuch-Outing und ich dachte natürlich, das würde auch so weitergehen. Dazu muss ich aber sagen, dass ich den Bereich Arbeit in meinem Leben davon unberührt lasse - es muss wirklich nicht sein, dass die Leute dort davon wissen, aber lange wird sich das auch nicht verbergen lassen - wir leben ja in Würzburg!

Getragen von einer Outing-Welle voll Neugier und Verständnis beschloss ich, meine Mutter einzuweihen. Ich wusste, dass wir uns danach zwei Wochen nicht sehen würden und deswegen hielt ich diesen Abend für den perfekten Zeitpunkt. "Du, hör' mal... bla bla bla... ich finde Jungs irgendwie toller als Frauen." Augäpfel quellen hervor, dann ein ungläubiger Blick, wo war denn der Stuhl, erst mal hinsetzen ... ja, atmen wäre auch nicht schlecht. Sie fragte nur zaghaft ein paar unwichtige Dinge, aber wohl nicht aus Interesse, sondern eher, um einfach nur etwas zu sagen und diese drückende Stille zu unterbrechen. Ich weiß noch, dass mir bei meiner Mutter nicht vorher schlecht war, so wie bei den ganzen anderen Outings, sondern, dass erst währenddessen mein Magen sich verkrampfte und ich nervös wurde. Nach circa zehn Minuten ging sie, immer noch etwas benommen, wortlos, besorgtes Gesicht.

Na ja, dachte ich, das wird schon werden, alle anderen haben sich ja auch daran gewöhnt, aber meine Eltern sollten wohl eine Ausnahme sein. Meine Mutter hatte danach nie wieder mit mir über meine Homosexualität gesprochen, bis auf einmal, als sie mir riet, es auf keinen Fall jemandem zu erzählen. (*g*) Hierzu muss man erwähnen, dass ich noch bei meinen Eltern wohne(n muss) und sie dementsprechend häufig sehe(n muss). Eines Abends kam dann mein Vater auf mich zu, warum er das tat, weiß ich bis heute nicht, aber ich denke mal, meine Mutter hatte ihre Finger im Spiel, und erkundigte sich nach einem ganz bestimmten Freund von mir, der auch schwul ist. Ich beantwortete seine Fragen, bis er mich ansah und sagte: "Sag' mal, ist der schwul?" Ich war verblüfft, weil ich damit so gar nicht gerechnet hatte und aus Reflex gemischt mit Trotz und Freiheitsdrang gab ich einfach nur "Ja, denkste ich nicht?" zurück. Es folgte das übliche Gespräch, wie man es nicht aus Bilderbüchern kennt: "Das bildest Du Dir nur ein.", "Du bist keine Schwuchtel!", "Mach' Dich nicht unglücklich!", um nur einige Zitate zu nennen. Am Schluss behaupteten beide dann, besagter Freund hätte mich erst schwul gemacht, als eine Art "Missionar des Satans" sozusagen. Bis heute sprechen sie das Thema mir gegenüber nur dann an, wenn sie mir mal wieder vorwerfen, ihr Leben nur "noch schwerer" machen zu wollen, was ich in den darauf folgenden Monaten neben anderen Vorwürfen so ziemlich jeden Tag zu hören bekam. Die Frage, ob es in dem Ort, in dem ich lebe oder in der Firma, in der mein Vater arbeitet, rauskommen könnte, beschäftigt sie auch sehr. Ganz zu schweigen von der fast überlebenswichtigen Tatsache, dass meine Oma wohl einen Herzinfarkt bekommen würde, wenn sie es erfahren müsste. (Nur zur Beruhigung an alle: Sie wohnt circa hundert Kilometer weit weg, konnte mich nie leiden und ich habe kein Auto - sie hat also noch einige Jahre vor sich! *g*) Inzwischen sind fünf Monate vergangen und erst neulich hörte ich, wie meine Mutter meinen Vater fragte, ob er glaube, ich sei nun endgültig schwul, was dieser bejahte. Na ja, vielleicht ein erster Schritt. Momentan traue ich mich nicht, männliche Kumpels - egal ob schwul oder Hetero - zu mir nach Hause einzuladen, weil ich Angst habe, meine Eltern werfen die vermeintlichen "Schwuchtel" aus dem Haus - ganz zu schweigen von meinem Freund, vor allem vor ihm möchte ich mir diese Peinlichkeit ersparen.

Auch wenn sich dieser Bericht stellenweise alles andere als einladend anhört, sollte man immer bedenken, dass ein Outing einfach notwendig ist. Es gibt einem selbst nicht nur Freiheit und ein Stück Lebenskomfort, man lernt auch, sich selbst und die eigene Lebensweise zu achten. Nur wenn man mit mehreren über alles sprechen kann, ohne stets diesen gewaltigen Druck eines vermeintlich "schlimmen" Geheimnisses zu spüren, kann man sich frei entwickeln und beziehungsfähig werden, nur so erlangt man ein "normales" Leben. Das ist aber nur meine Meinung. Trotz allem geht es auch mir heute wesentlich besser und ich habe endlich einen Teil der Angst verloren.

Neulich ging ich mit meinem Freund Hand in Hand durch die Stadt und ein Passant machte eine blöde Bemerkung, blieb aber sonst friedlich. Seine Aussage störte mich nicht weiter, was sie früher wohl getan hätte und ich fühlte mich auch nicht angegriffen, weil ich genau weiß, dass dieser Depp nicht die geringste Ahnung hat, welchen Aufwand ich dafür betrieben habe, dass er mich heute beleidigen kann. *g* Ich wünsche jedem, der sein Outing noch vor sich hat, viel Erfolg und Durchhaltevermögen - es lohnt sich, auch wenn das nicht immer sofort danach aussieht! Der Spruch, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, hat einen hohen Wahrheitsgehalt. Never stop fighting.