Thorsten: Ich glaube, ich werde dieses Geheimnis nie lüften

Mit 15 merkte ich zum ersten Mal bewusst, dass an meinem Verhalten anderen gegenüber etwas nicht stimmen konnte. Mit Mädchen hatte ich mich schon immer gut verstanden, war generell lieber mit ihnen zusammen, während ich mich von Jungs distanzierte. Mit ihren dummen Sprüchen, Raufereien und dem Machogehabe konnte ich einfach nichts anfangen. Und dennoch drehte ich mich auf der Straße nur nach ihnen um. Es war ein prickelndes Gefühl die Unterwäscheseiten im Katalog nach Männern zu durchforsten. Was es bedeutete, war mir da aber nicht bewusst.

Meine Mitschüler schienen da weiter zu sein. Gerade die Jungen der Parallelklassen hatten ihre Freude daran, mich nachzuäffen, zu betatschen, mir tuntige Sprüche hinterherzurufen. Sie hatten ihr Bild von mir und ich musste jeden Tag dagegen ankämpfen. Ich wollte nicht so sein, wie sie mich sahen, ich wollte mich nicht jeden Tag kräftezehrend zur Wehr setzen, ich wollte Ruhe und dazugehören. Dazu kam mein Vater, der sich gelegentlich beim Fernsehen abfällig über Schwule äußerte. Wie sollte ich ihm gegenüber meine Gedanken äußern können?

Je mehr ich mich mit dem 'Vorwurf' konfrontiert sah, um so mehr setzte ich mich damit auseinander, denn auch die Gefühle, die ich nicht wahrhaben wollte, ließen nicht locker. Da war etwas, das ich nicht verstand, was ich aber brauchte, aber niemals zulassen wollte, aus Angst vor den Reaktionen der anderen.

Damals schrieb ich in mein Tagebuch: "Ich bin nicht homosexuell" und einige Seiten später machte ich mir doch selber Zugeständnisse. Da war etwas, ein Hingezogensein zu Männern, aber gleichzeitig der Wunsch nach späterer Familie und Wärme durch eine Frau - immer mit der Angst im Rücken. Im Endeffekt machte ich mir etwas vor und beruhigte mich damit: "Ich glaube, ich werde dieses Geheimnis nie lüften - eher sterbe ich".

Damals war mir das sehr ernst. Ein Outing hielt ich nie für möglich. Heute schüttel ich den Kopf über meine Sorgen und das habe ich vor allem meinem damals besten Freund zu verdanken. Ich war 17.

Es gab Abende, an denen wir uns lange und intensiv unterhielten. Irgendwann kamen wir auf meine Mitschüler zu sprechen. Ich erzählte, wie sie mich behandelten, wie es mir dabei ging und dann stellte er die Frage, die alles veränderte. Ob es denn stimmen würde.

Und da brach es heraus, langsam und tränenreich, unsicher und erleichternd. Ich wusste nicht, was ich wollte, aber dass vieles anders war, stand fest. Er hörte mir zu, nahm mich in den Arm und in diesem Rahmen war alles in Ordnung. Er fragte oft nach, half mir klarzukommen. Seitdem es zum ersten Mal ausgesprochen war, veränderte sich alles. Zwar gab es keine Klarheit, aber für mich stand fest, dass ich sie wollte. Ich wollte wissen, was ich fühle, wollte mich mit der Hilfe meines Kumpels damit auseinandersetzen. Ein halbes Jahr war er der einzige, der es wusste. Gemeinsamen Freunden verschwiegen wir es und bei einem Urlaub in dieser größeren Runde waren wir die einzigen, die nicht lachen konnten, wenn Schwulenwitze erzählt wurden.

Dann kam der Urlaub mit meinem Vater, seiner neuen Frau Sabine und deren Freunden. Das war der Punkt, an dem ich endlich Klarheit für mich schaffen wollte. Ich wollte hinterher sagen können, wie ich fühle und kaufte mir extra dafür Bücher. Zufällig erschien zu dem Zeitpunkt der Spiegel mit der Titelstory "Wie Schwule wirklich leben". War das der Wink mit dem Zaunpfahl? In den zwei Wochen war ich viel allein, dachte häufig nach, schrieb Gedanken auf und las alles was ich dabei hatte. Und was da stand, traf immer wieder auf mich zu. Ich kannte die Gedanken und Gefühle, die da angesprochen wurden und nach kurzer Zeit war ich mir sicher. Auch, dass es nicht leicht werden würde, aber ich wollte zu mir stehen.

Ein erster Schritt war ein Gespräch mit Sabines Freundin. Sie brachte mich dazu, noch vor Ende unseres Urlaubs mit meinem Vater zu reden. Soweit war ich aber noch nicht. Also tat sie es ein Tag vor unserer Abreise und ich kam etwas später dazu.

Sabine hatte es schon geahnt, hatte meine Bücher vorm Urlaub bereits gefunden und sich auf das Thema eingestellt, mein Vater fiel aus allen Wolken. Es war das zweite Mal, dass ich ihn hab weinen sehen und das zeigte mir wie schwer es ihm fiel. Lange Zeit kam er damit nicht zurecht und Sabine vermittelte zwischen uns. Wir redeten schon miteinander, aber immer angespannt.

Meine Mutter hatte es ebenfalls geahnt. Auch sie weinte, aber eher aus Angst um mich, da sie die schulischen Probleme lange Zeit miterlebt hatte. Doch sie kam weitaus besser damit zurecht, obwohl sie es bedauerte, von mir nun keine Enkel mehr zu bekommen. Sie und Sabine vermittelten mir den Kontakt zum Schwulenverein in unserer Stadt, während das Verhältnis zu meinem Vater anfangs etwas schwieriger wurde.

Im Verein fand ich schnell Anschluss und den Mut mich noch mehr anzunehmen, erfolgreiche Outings bei meinen Freunden bestärkten mich und so dauerte es nicht lange, dass ich mich nicht mehr verstellte, in der Öffentlichkeit auftrat und mich wohlfühlte. Konfrontationen meiner Mitschüler wurden erträglicher, gleichzeitig bekam ich Rückhalt von Lehrern und Freunden und mein Vater gewöhnte sich an die Veränderung.

Irgendwann war er soweit, mir bei schwulen Beziehungsproblemen zur Seite zu stehen, sah im Fernsehen Sendungen mit Schwulen, über die wir anschließend redeten und erkundigte sich sogar nach meinen Freunden.

Wir haben alle nach nunmehr fünf Jahren eine große Veränderung erfahren, die unser Verhältnis ehrlicher, persönlicher machte. Dafür danke ich meiner Familie und meinen Freunden.