Steffi: Ich bin ein Spätzünder

Also, eigentlich dachte ich den Großteil meines Lebens, ich würde irgendwann so mit Mann und Kindern ein gediegenes Leben führen. Zwar hatte ich den richtigen Mann noch nicht gefunden, obwohl ich schon Beziehungen mit Männern geführt hatte. Aber das konnte ja alles noch werden...

Ins Zweifeln kam ich, als sich irgendwann die Beziehung zu meiner besten Freundin änderte. Da war ich 22. Wir kuschelten gern miteinander, und fingen irgendwann an, uns zu küssen - und dann bekamen wir Lust auf mehr.

Was es für sie war, weiß ich nicht so genau. Für mich war es ganz großes Kino! Ich verknallte mich in sie und hätte die Sache auch gern weiterverfolgt. Leider wurde nichts daraus und wir blieben einfach nur Freundinnen.

Trotzdem beschloss ich, meine Gefühle ernst zu nehmen und gründlich nachzudenken. Ich war offenbar in der Lage, Frauen ebenso erotisch und anziehend zu finden wie Männer. Je mehr ich mir den Kopf zerbrach, stellte ich fest, dass meine Freundin eigentlich nicht die erste gewesen war.

Aber was hieß das? War ich vielleicht bi? Ich versuchte mich zu informieren. Aber meine Vorurteile gegen das Wort "bisexuell" waren so groß, dass mich nicht mit diesem Label bezeichnen wollte.

Trotzdem wollte ich gern mit meinen engsten Freunden über diese neuen Entwicklungen und Gefühle reden. In diesen Gesprächen bezeichnete mich als "eben nicht hetero". Das musste fürs Erste genügen, denn mehr wusste ich nicht.

Mit der Reaktion meiner Freunde hatte ich Glück - sie reagierten positiv und neugierig auf meine Erklärungen. Niemand bedrängte mich in meiner Ratlosigkeit und Unsicherheit.


Knapp zwei Jahre nach meiner "Entdeckung", meiner ersten lesbischen Erfahrung, fand ich es an der Zeit, endlich mal Kontakt zu Lesben und Schwulen in Würzburg zu knüpfen. Ich wollte irgendetwas unternehmen, wollte mir endlich sicherer werden.

Allerdings hätte mich nichts in der Welt zu diesem Zeitpunkt allein in eine Gay Disco gebracht. Und mit meinen hetero Freundinnen wollte ich dort auch nicht hin. Nachdem ich mehrere Wochen auf diversen Websites herumgeschlichen war, ging ich schließlich zum Chor im WuF (der inzwischen Sotto Voce heißt). Singen kann ich schließlich! Da fühlte ich mich, als könnte mir nichts passieren.

Der Chor war so ziemlich das Beste, was mir im letzten Jahr passierte. Ich fühlte mich von der ersten Stunde an willkommen. Obwohl dort deutlich mehr Schwule als Lesben waren, fühlte ich mich "angekommen". Die Leute waren entspannt und witzig, und ich konnte mit ihnen über Dinge reden, die ich bei meinen anderen Freunden nicht so ohne weiteres angesprochen hätte.

Mit den Leuten, die ich dort kennenlernte, traute ich mich dann auch zu anderen lesbischen oder schwulesbischen Veranstaltungen – zum Filmabend oder in die Disco. In die Jugendgruppe habe ich mich auch erst gewagt, als ich schon Leute kannte. Warum ich davor solche Angst hatte, verstehe ich heute nicht mehr.

Die Frage, wo ich heute stehe - bi oder lesbisch oder was? - beantworte ich immer noch nicht gern. Irgendwann war mir klar, dass zumindest zurzeit oder in naher Zukunft eine Männerbeziehung für mich nicht in Frage kommt. Ich will Frauen. In meinem Lesarion-Profil steht "lesbisch". Das heißt nicht, dass ich nicht auch mal einem Mann hinter her schaue. Aber anfassen? - nein danke!

Seit ich das weiß, habe ich das Gefühl, mich selbst viel besser zu kennen. Ich tue das, was ich tatsächlich will, und es fühlt sich alles irgendwie "richtiger" an.

Meinen Eltern gegenüber outete ich mich nicht aus Notwendigkeit, sondern weil wir uns nahestehen und ich wollte, dass sie wissen, wie es mir geht. Ich erklärte ihnen, ich sei "vermutlich lesbisch". Ich glaube, ich konnte ihnen klar machen, warum das für mich so positiv und befreiend ist. Obwohl meine Mutter immer noch halb hofft, dass ich vielleicht doch noch mal einen Mann finde, haben sie es, glaube ich, verstanden und akzeptiert.


Mein Coming Out war nicht nur ein wichtiger Schritt bei den Menschen, die mir nahe stehen, sondern läuft auch jetzt immer noch ständig nebenher. Da oute ich mich ganz unabsichtlich bei meinen Nachbarn, weil sie ein mein Gespräch mit anhören. Oder eine Bekannte fragt nach, was das genau für ein Chor ist, in dem ich singe...

Wenn das passiert, frage ich mich manchmal, ob das jetzt mein ganzes Leben so weitergeht - eine endlose Serie von Geständnissen. Und das macht mir ein bisschen Angst.

Aber dann raffe ich meinen Mut zusammen, schaue ich meinem Gegenüber ins Gesicht und sage: "Ach weißt du, ich steh nicht auf Männer." Oder: "Das ist der Chor im schwulesbischen Zentrum. Unser nächstes Konzert ist am..."

Ich habe nämlich überhaupt keine Lust, mich ständig zu verstecken.