Stefan: Ich möchte nur der Mensch sein können, der ich wirklich bin

Mich zu outen, war ein sehr wichtiger Schritt, auch wenn ich es nicht als einen einzigen Schritt bezeichnen würde, dafür ging es viel zu langsam voran, aber im Nachhinein fand ich gerade die Tatsache, dass es langsam voranging ziemlich vorteilhaft.

Alles mal von Anfang an: Dass ich schwul bin, war mir eigentlich ziemlich früh klar. So mit 14 Jahren, war ich mir sogar absolut sicher, dass ich mit Jungs mehr anfangen konnte als mit Mädels. Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke, hätte ich es auch früher checken können. Es gab viele Erlebnisse in meiner Kindheit, welche schon darauf hingewiesen haben, bevor ich es selber wusste. Nur mit 14 Jahren ist man einfach noch nicht so weit, dass man sich jemandem offenbaren kann. Es würden doch sowieso nur die dummen Reaktionen kommen wie: "Das ist nur eine Phase" oder "Du kannst dir doch noch gar nicht sicher sein". Darum habe ich die Sache erst mal auf Eis gelegt, ich hatte feste Freundinnen, mit denen ich auch glücklich war, dementsprechend war das auch keine verlorene Zeit. So mit 16 Jahren, hatte ich eine Freundin, der ich mich voll und ganz anvertrauen konnte, ich habe sie auch als einzige Frau in meinem Leben richtig geliebt, wobei das heute noch so ist, nur eben auf eine platonische Art und Weise. Darum fand ich, dass sie es verdiente, dass ich ihr sagte was in mir vorging, was ich dann auch tat. Die Reaktion war zuerst ruhig und dann wie ich erwartet hatte neugierig und interessiert. Sie war in dieser Zeit die einzige mit der ich darüber reden konnte und blieb nachdem ich es ihr gesagt hatte sogar aus Solidarität noch ein halbes Jahr mit mir zusammen. Das und die Tatsache, dass sie die erste Person war, bei der ich mich outete macht sie für mich zu einem sehr besonderen Menschen.

Erst ein ganzes Jahr später also mit 17 Jahren, kam es dann dazu, dass ich mich einem weiteren Menschen anvertraute, diesmal einem Jungen, was wesentlich schwerer ist als bei einem Mädchen. Dieser Junge war mein Cousin, seine erste Reaktion war sogar recht witzig, er sagte "Nee, oda?" und schaute mich ungläubig an, aber dann begann auch er Fragen zu stellen und versicherte mir, immer für mich da zu sein, wenn was sein sollte. So wurde es mir im Großen und Ganzen echt einfach gemacht. Ich erzählte es danach immer mehr Menschen aus meinem Freundeskreis denen ich vertraute und die Reaktionen waren durchweg positiv, sodass ich mit der Zeit immer besser zu mir selber stehen konnte, weil ich ja auch den Rückhalt hatte, den ich brauchte, was für mich eine wichtige Entwicklung darstellte. Aber es kann halt nicht immer so laufen wie man möchte, die Eltern waren ja auch noch auf der Liste derer, die es erfahren sollten. Da meine Schwester auch sehr gut reagiert hatte, dachte ich bei meiner Mum mit einer ähnlichen Reaktion rechnen zu können. Dem war aber nicht so, das kann ich vorneweg gleich mal sagen.

Ich überlegte mir bei meiner Mutter sogar, wie ich es ihr sagen sollte. Ich dachte "Ich bin schwul" hört sich krass an, "Ich stehe auf Jungs" auch, also nahm ich die Alternative: "Mutti, ich stehe nicht auf Mädchen". Die Reaktion war dann, wider meinen Erwartungen, eher nicht so toll! Es kamen Sätze wie: "Das stimmt doch nicht" oder "Das weißt du doch noch nicht", hierzu muss ich anmerken ich war 19 Jahre alt, also bei weitem reif genug es schon zu wissen. Sie versuchte dann, das Thema nach dem viel zu kurzen Gespräch tot zu schweigen. Aber da meine Mutter weiß, dass was bei mir erst mal ins Rollen gekommen ist, man nur schwer aufhalten kann, toleriert sie, nachdem Sie sich lange an den Gedanken gewöhnt hat mittlerweile die Tatsache, dass ich schwul bin. Aber so richtig akzeptieren kann sie es leider noch nicht. Das wird dann wohl auch noch ein paar Jahre dauern, aber ich bin mir sicher, dass dieser Zustand auch irgendwann erreicht sein wird, was auch daran liegen könnte, dass ich ein Optimist bin.

Wenn ich zurück blicke, war die Entscheidung mich zu outen, eine Entscheidung gewesen, ob ich zu mir stehe oder nicht. Ich wäre heute nicht halb so selbstbewusst und würde mich in meiner Haut nicht im geringsten Wohl fühlen, wenn ich immer einen Teil von mir verleugnet hätte, wenn ich die Tatsache, dass ich schwul bin, den Leuten die mir etwas bedeuten, verheimlichen würde. Es gibt klar Situationen und Bereiche, in denen ich es auch niemanden erzähle, aber man muss ja auch nicht mit einem Schild rumlaufen und es jedem aufdrängen, dafür ist es dann doch die eigene Privatsache, wen man liebt und wie man fühlt!

Das Outing wird für mich nie ein abgeschlossener Prozess sein, ich werde immer wieder neue Leute kennenlernen, denen man es vielleicht erzählen will oder nicht. Aber es wird von Person zu Person leichter, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Ich habe nie bereut, diesen Schritt gemacht zu haben, ich fühle so wie ich fühle, ich habe es mir nicht ausgesucht und ich möchte auch einfach nur der Mensch sein können, der ich wirklich bin.

Nun kann ich nur noch mit dem Satz abschließen, der mir immer sehr geholfen hat: "Bleib dir selber immer treu!"