Kunigunde: Ich habe das Gefühl, man müsse sich heutzutage sofort festlegen.

Sei dies, mache jenes.

Wenn man noch nicht bereit dazu ist, für den Rest seines Lebens eine Schublade auszuwählen, hört man oftmals von allen Seiten, dass es doch mal an der Zeit sei.

Schon immer zog ich mich geschlechtsneutral an.
Ich war ein Mädchen mit langen Haaren (wenn auch künstlich eingeflochten), das graue Sneaker den Riemchensandalen vorzog.

Als Kind denkt man kaum daran, was man ist.
Man versucht, den besten Weg zu finden.
Die anderen werden schon damit klar kommen müssen.

Je älter ich wurde, desto mehr merkte ich, dass ich mich mit typisch femininem nicht so recht anfreunden konnte wie es meine Mitschülerinnen taten.

Irgendwann fing ich dann an, beim Kleiderkauf auch in die Männerabteilung zu gehen.
Ich sehne mich nicht danach ein Mann zu sein, verstehen Sie mich nicht falsch.
Doch was Designer mit Frauenkleidung anstellen gefiel mir noch nie.
Versuchen Sie mal eine Jeans zu finden, die nicht über den Bauchnabel geht, oder ein Hemd, das keine Rüschen hat bzw. körperbetont ist - das ist echt schwer.

Naja, ich schweife ab...

Ich weiß es noch als ob es gestern gewesen wäre.
Fünfzehn Jahre alt war ich und ich sah in der Fernsehzeitschrift, dass zur besten Sendezeit eine Serie lief, von der ich noch nie etwas gehört hatte.

Ihr Name endete mit „...wenn Frauen Frauen lieben...“.
Naiv wie ich es damals war, wusste ich nicht, dass besagt Sendung unter queeren Frauen Kultstatus genießt.
Noch weniger ahnte ich, dass im Fernsehen schon seit längerem gleichgeschlechtliche Beziehungen gezeigt werden.
Rar gesät, aber immerhin.

Binnen kürzester Zeit war ich regelrecht besessen davon, mir jede Folge anzusehen.

Und...

Je länger ich mich damit befasste, desto mehr stellte sich mir die Frage, ob auch ich mir, eine Partnerschaft oder zumindest ein Techtelmechtel mit einer Frau vorstellen konnte.

Monate vergingen und ich freundete mich mehr und mehr mit dem Gedanken an.

Bis es soweit war, verging sogar relativ wenig Zeit.

Ich lernte ein bisexuelles Mädchen kennen.
Die ganze Zeit erzählte sie mir von ihren zwei Freundinnen, die sie verkuppelt hatte.
Irgendwann da fasste ich meinen Mut beisammen und ließ sie wissen, dass ich mir manchmal die Frage stellte, wie es wohl wäre, wenn wir uns küssten.

All das war mir zu dem Zeitpunkt schrecklich peinlich.
Nicht zu wissen, ob der andere die „Gefühle“ erwidert ist schon schlimm genug.
Die Tatsache, dass wir es vor der gesamten konservativen katholisch geprägten Mädchenschule verstecken mussten, machte es nicht leichter.

Am Ende hielt es zwar nur einige Wochen, doch ab dem Zeitpunkt stand für mich fest:

Ich kann Frauen lieben

Ob ausschließlich oder auch, diese Frage stelle ich mir bis heute.

Denn es ist durchaus so, dass ich hin und wieder Männer attraktiv finde.
Meistens eher schüchterne, nachdenkliche, die ihre Geschlechtsidentität ebenso frei handhaben, wie ich es tue.

Vom sozialen Zwang, der auf Männern lastet, möglich muskulös und aggressiv-maskulin zu sein und ja keine Gefühle zu zeigen hielt ich nämlich noch nie viel.

Puh, das wird länger als gedacht...

Nach wie vor, weiß ich nicht, wo genau ich hingehöre in diesem breitgefächerten LGBT-Spektrum.

Es gibt Tage, an denen ich Whitney Houstons Liedern lausche und wie eine Diva alle Passagen tänzerisch umsetze.

Dann kommen wieder Wochen, in denen ich Hemden trage und Mannerdüfte auflege.

Ich habe mir, schätze ich, einfach selbst zu viel Druck gemacht, überall reinzupassen.

Wen interessiert es schon, wenn ich eine Anzughose trage während meine Nägel lackiert sind?

Solange ich zufrieden bin und niemandem schade, mache ich, worauf ich Lust habe.

Ob ich jetzt Männer liebe, oder Frauen.
Das Gefühl zählt.

Der Rest ist Geschichte.