Chris: Genau das ist es, was ich will

Tja, wo soll ich anfangen? Obwohl ich die schlimmste Zeit meines Coming Outs bereits hinter mir und mich selbst als schwul akzeptiert habe, stecke ich trotzdem noch mittendrin. Ich möchte versuchen, das Chaos meiner Gedanken, Gefühle und Empfindungen des letzten Jahres ein wenig zu ordnen.

Zu diesem Zeitpunkt nämlich - also mit Mitte fünfzehn - begann ich, mich mit der schon länger existierenden Vermutung, schwul zu sein, auseinander zu setzen. Ich wollte wissen, warum ich attraktiven Männern und Jungs auf der Straße hinterherschaute, warum mich die Seiten mit der Männerunterwäsche in Katalogen so anmachten und weshalb ich gegenüber Kerlen Gefühlen entwickeln konnte, es bei Mädchen aber nie richtig klappte... Da ich damals mit niemandem darüber reden konnte und ich auch noch nie Kontakt zu anderen Schwulen gehabt hatte, gab es für mich nur einen Ausweg: Bücher! Im Internet fand ich schnell welche, die mich interessierten, aber: Was jetzt? Bestellte ich sie, lief ich vielleicht Gefahr, mich zwangsouten zu lassen (von Diskretion hatte ich noch keine Ahnung). Ging ich aber in eine Buchhandlung, würde man mich doch sicherlich gleich als "einen vom anderen Ufer" abstempeln. Schließlich nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und entschied mich für die Buchhandlung. Es stellte sich heraus, dass all meine Ängste unbegründet waren.

Heute weiß ich, dass diese Entscheidung, persönlich dorthin zu gehen, mein erster Schritt zum schwulen Selbstbewusstsein war. Ich tastete mich jetzt also das erste Mal langsam an die schwule Welt heran, lernte den Begriff "Coming Out" kennen ;-) und erfuhr Einiges über Liebe und Sex. Und da wurde mir klar: So wie die Gefühle hier beschrieben sind, so fühle ich auch, ich muss es sein. Darauf folgte eine lange Zeit des Grübelns. Zum einen konnte ich mich mit dem Gelesenen 100%ig identifizieren, fühlte mich bestätigt. Auf der anderen Seite konnte ich es nicht glauben, dachte an mögliche positive, aber vor allem negative Reaktionen in der Familie oder unter Freunden, wenn ich es sagen würde. Ich klammerte mich auch an den Gedanken, nur in einer schwulen Phase zu stecken, die bei Pubertierenden schon mal vorkommen könnte und sicher bald vorbei sein wird. Aber daraus wurde wohl nichts. Mittlerweile ist mir klar, dass das Gerede, nach dem viele Jugendliche auch mal eine homosexuelle Phase durchleben, großer Unsinn ist. Entweder man ist es, oder man ist es eben nicht.

Also beschloss ich, erst mal abzuwarten. Die Gefühle wuchsen, ich ließ nicht zu, sie zu verdrängen (dazu waren sie zu schön) und langsam wurde es für mich zur Normalität. Dennoch war ich mir noch nicht vollkommen sicher, ich wollte Klarheit und vor allem endlich mit jemandem reden. Aus mir unbekannten Gründen machte ich mich selbst fertig, quälte mich mit dem Gedanken, sicherlich von den anderen ausgestoßen zu werden. Bis ich es nicht länger aushielt. Ich schnappte mir die nächstbeste CD, lief aus dem Haus, raus auf die Felder und ließ meinen Tränen und Emotionen freien Lauf. Das war der schlimmste Tag meines Lebens. Nach ein paar Stunden konnte ich wieder klar denken, fasste neuen Mut und sprach das erste Mal laut aus: "Junge, du bist schwul."

Einige Tage später entdeckte ich die damalige ;-) Homepage von DéjàWü, nahm jetzt endlich Kontakt zur Jugendgruppe auf und traf mich erst mal mit einem der Gruppenleiter alleine - was das Beste war, das ich nur machen konnte. Er gab mir einen ersten Eindruck in das Leben eines Schwulen und mir wurde klar: Genau das ist es, was ich will. So möchte ich leben und nur so kann ich glücklich werden. Ich akzeptierte endgültig mein Schwulsein, gestand es mir selbst zu und wollte von nun an auch anders leben. Mochte kommen was wollte.

Was folgte, war ein Gefühl wie auf Wolke sieben: endlich keine Ungewissheit mehr, endlich mit Leuten offen darüber reden können und endlich - wenn auch bis jetzt nur in einem kleinen Kreis - mich so geben, wie ich wirklich bin. Es verging noch einige Zeit bis ich es meiner besten Freundin einfach sagen musste. Anfangs fiel es mir schwer, doch als es dann heraus war, war ich nur noch glücklich. Sie hat wirklich nur positiv reagiert, was mich sehr gestärkt hat. Überhaupt konnte ich aus meinem bisherigen Coming Out sehr viel Kraft schöpfen. Vielleicht weil ich es mir unnötigerweise selbst so schwer gemacht habe, sicherlich aber auch durch die viele und gute Unterstützung von Seiten alter und neuer Freunde.

Zumindest ein - ich will nicht sagen "harter Brocken" - , jedenfalls eine Hürde steht mir noch bevor, meine Familie. Doch bis dahin nehme ich mir noch ein bisschen Zeit. Einfach um noch selbstbewusster zu werden, damit ich eventuellen (aber eher unwahrscheinlichen) Konfrontationen besser standhalten kann. Da muss ich wohl oder übel ein weiteres Versteckspiel in Kauf nehmen. Ob ich es in der Schule sage, weiß ich noch nicht...

Soweit mein bisheriges Coming Out, seit der "entscheidenden Phase", in der mir meine Gefühle für Männer und Jungs richtig bewusst geworden sind. Wenn ich aber auch in meine Kindheit zurückschaue, entdecke ich meine frühesten derartigen Empfindungen im Alter von acht Jahren wieder. Ich bin also schon immer "so" gewesen.

Angst vor der Zukunft hab ich nicht. Im Gegenteil freue ich mich auf ein spannendes, vielseitiges Leben als Schwuler. Ich lasse mich von der Gesellschaft nicht vorschreiben, wen ich zu lieben habe. Schließlich ist es mein Leben. Ich denke immer daran: Wenn einer mit meinem Schwulsein nicht zurecht kommt, liegt das Problem wohl definitiv bei ihm. Der sollte sich mal schnellstens überlegen, in welcher Zeit er eigentlich lebt!